LITERATURWISSENSCHAFTLICHE JAPANFORSCHUNG – AUTORENSTUDIE ÔE KENZABURÔ

EINLEITUNG – WER IST ÔE KENZABURÔ?

Wird Ôe Kenzaburô als ein japanischer Autor bezeichnet, dann wäre dies gewiss nicht falsch, würde der Person aber nicht gerecht. Politisch engagiert und der westlichen Welt offen gegenüber liegt ihm viel daran auch im eigenen Land eine gewisse Form der Aufklärung voran zu bringen. Dies fing nicht erst mit den Okinawa nōtō (沖縄ノート, dt Okinawa Notizen), einer Essaysammlung die die Bevölkerung Japans auf die Missstände, während der Rückgabe Okinawas durch die USA, aufmerksam machen sollte, die er 1970 veröffentlichte, an. Nach einem Besuch in Hiroshima im Jahre 1964 verfasste er die Hiroshima nōto (広島ノート, dt Hiroshima Notizen), eine weitere Sammlung von Essays und Briefen über die Menschen aus Hiroshima, nach dem Atombombenabwurf durch die USA.

Diese beiden Sammlungen, und noch einige weitere Werke, zeichnen ein klares Bild des Kampfes gegen die “[…]Verdrängungsbedüfnisse[…]”[1] der japanischen Regierung. Damit trägt er maßgeblich zur sengo bungaku (戦後文学, dt. japanische Nachkriegsliteratur) bei und leistet mit Hiroshima nôto auch einen wichtigen Beitrag zur genbaku bungaku (原爆文学, dt. Atombombenliteratur).

Ôe ist ebenfalls ein Verfasser von shishôsetsu (私小説, dt Ich-Roman) was der Existentialismus in seinem Werk „Eine persönliche Erfahrung“ verdeutlicht, in dem er die Geburt seines geistig behinderten Sohnes verarbeitet[2]. Doch dieser Existentialismus bezieht sich, wie folgt dargestellt, nicht nur auf das Leben von Ôe. Die Überwindung eines Dilemmas und die Anerkennung eigener Verantwortung (Wiedererlangen von Würde) lässt sich auch in Japan selbst feststellen.

AMERIKANISCHER EINFLUSS – JAPANISCHE LITERATUR

“I identified with American writers. They feel uprooted. After the war, we were uprooted, too. My novels and my political essays are about the uprooted of Japan.”[3], erklärte Ôe während eines Interviews mit der Publishers Weekly 1968 über die Hintergründe seiner literarischen und politisch aktivistischen Arbeit[4]. Doch Japan war nicht nur entwurzelt, sondern voller Scham und Demut durch die Niederlage im zweiten Weltkrieg, so auch Ôe seit seiner Kindheit und später durch die Geburt seines Sohnes, wie oben bereits erwähnt[5].

Durch die Menschen in Hiroshima, die er bei seinem Besuch kennen lernte, verinnerlichte er, wie es trotz dieser Scham und Demut, oder vielleicht gerade deswegen, möglich war in Würde zu leben. Parallel erfahren sein Protagonist in Eine persönliche Erfahrung, Ôe selbst und auch Japan, in dem es sich seiner Entwurzelung bewusst geworden war, einen Prozess der Überwindung und Wiedererlangung der eigenen Würde. Japan entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem global agierenden Industriestaat[6]. Ôe lebt fortan mit seinem Sohn, dessen geistiger Behinderung und verarbeitet dies in seinen weiteren Werken. Somit ließe sich festhalten, dass der Existentialismus nicht nur auf seine Werke bezieht, sondern, unter Betrachtung der geschichtlichen Einordnung, sich auch auf Japan erstreckt.[7]

ÔE KENZABURÔ UND SEINE EIGENEN UMSTÄNDE

Allerdings gibt es noch weitere Indizien, dass Ôe nicht nur seine eigenen Lebensumstände in seinen Werken verarbeitet, er interessiert sich auch für die Kommunikation Japans mit der westlichen Welt, einer globalen Kommunikation und zeigt ein besonderes Interesse für die amerikanische Literatur. Bei seinem Interview mit der Publishers Weekly 1968 erwähnte sein Übersetzer „[…] Mr. Ôe is a walking encyclopedia of modern American fiction.“[8] Dies, zusammen mit dem bereits erwähnten Zitat, zeigt einen weiteren Brückenschlag zwischen Ôe und der westlichen Literatur.

Die Kritik, die Ôe an seinen Schriftstellerkollegen übt, dass sie kein Interesse daran haben sich an einer Kommunikation mit der westlichen Welt zu beteiligen und in einem eigenen, engen Kreis von Ästhetik gefangen sind, zählt auch als Punkt der aufzeigt, dass Ôe über die literarischen Landesgrenzen hinaus denkt. Kawabata Yasunari, Mishima Yukio und Abe Kôbô erwähnt er besonders, gerade in Bezug auf die Ästhetik und einen Ausspruch von Kawabata, dass in seiner Ästhetik kein Platz für ein westliches Europa oder die Vereinigten Staaten wäre[9]. Mishima Yukio kritisiert er im Besonderen, denn auch wenn dieser immer sehr auf sein westliches Publikum bedacht war, genau darauf achtete wer welches seiner Werke übersetzt, so ist sein Selbstmord doch eine rein japanisches Ereignis. So, wie Ôe es beschreibt, dreht er dem westlichen Publikum metaphorisch den Rücken zu.[10]

Als Kontrast erwähnt Ôe gerne Natsume Sôseki und dessen Kenntnisse über die amerikanische Literatur. Zu dessen Lebzeit gab es niemand, der, auf dem Gebiet der westlichen Literatur, so bewandert war.[11]

DIE FOLGENDEN JAHRE

In den folgenden Jahren schreibt Ôe Kenzaburô, angelegt in mehreren Zyklen, immer wieder über analoge Themen, die er auch schon in der Vergangenheit behandelt hat. Oberflächlich betrachtet geht es dabei nicht selten um eine Schriftstellerfamilie und deren Umgang mit einem behinderten Familienmitglied. Ein Ident dafür, dass er sich auch in der gendai bungaku (現代文学, dt japanische Gegenwartsliteratur) dem Genre des shishôsetsu weiterhin widmet. Folge dessen beschäftigt er sich auch mit Themen wie der Darstellung von Minderheiten, dem Kampf gegen Atomwaffen und des Tennotums[12]. Besonders letzteres beschäftigt ihn seit seiner Kindheit, als er 1945 im Radio die, bis dato, göttliche Stimme des Tennos vernahm doch dies plötzlich die Stimme eines Menschen war und miterleben musste, wie der Tenno seinen göttlichen Status niederlegte[13].

Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass Ôe sich immer wieder an den gleichen Themen abarbeitet, sich dabei aber nicht wiederholt, sondern die Thematik weitervoran treibt und gleichzeitig auf die aktuelle Lage in Japan anpasst[14]. Da er gleichzeitig immer wieder die oben erwähnten, kritischen Themen in seinen Werken einbindet und verarbeitet, lässt er sich durchaus auch in die koku bungaku (国文学, dt Landesliteratur) einordnen.

Abschließend steht erneut die Frage im Raum, ob Ôe Kenzaburô als Autor zu bezeichnen ist oder doch mehr darstellt. Bei einer Übersicht seiner Werke, muten diese gewiss eine etwas weiter reichende Bezeichnung an, auch durch seine Arbeit außerhalb der literarischen Szene. Allerdings legt Ôe selbst viel Wert darauf, wie er im bereits erwähnten Interview angab, als Autor bezeichnet zu werden[15].


FUSSNOTEN

[1] Hijiya-Kirschnereit, I. (2000): Japanische Gegenwartsliteratur. Ein Handbuch., S. 322.
[2] Müller, S. (2008): Existenzphilosophie als Lebenshaltung: Shiina Rinzôs „Wille zur Macht“ und Ôe Kenzaburôs „Weg der Freiheit“., S. 192
[3] New York: Bowker (Hg.) (1977): The author speaks. Selected PW interviews, 1967-1976, S. 117.
[4] Das Interview wurde in der 193 Ausgabe der Publishers Weekly am 3. Juni 1968 auf Seite 55-56 gedruckt und von Roger H. Smith geführt. Auszüge aus diesem Interview finden sich in The author speaks. Selected PW interviews, 1967-1976, S. 117-118.
[5] Müller, S. (2008): S. 197.
[6] Kosai / Yamamura (1997): S. 187 f.
[7] Prof. Dr. Müller beschreibt in ihrer Arbeit „Existenzphilosophie als Lebenshaltung: Shiina Rinzôs ‚Wille zur Macht‘ und Ôe Kenzaburôs ‚Weg der Freiheit'“ (S. 197) die Entwicklung die Ôe Kenzaburô in seiner Kindheit durchlebt und wie er, anhand eines Ausschnittes aus Hiroshima Notes, den Existentialismus nach Sartre erlebt und verarbeitet. Dies geschieht unter anderem durch das Hervorheben verschiedener Begriff wie Scham, Demütigung und Würde, die typisch für den Existentialismus sind und auch Verwendung in den Ausführungen von Sartre finden.
[8] New York: Bowker (Hg.) (1977): S. 118.
[9] Ôe Kenzaburô zitiert hier Kawabata Yasunari in Japan in traditional and postmodern perspectives (Fu, Charles Wei-hsun; Heine, Steven (1995): S. 318) bzw. nimmt den Schluss seiner Nobelpreis Rede, die den Titel “Japan, the Beautiful, and Myself” trägt, für folgende Aussage „And the message he was trying to convey in those closing lines was that there was no room, to begin with, for Western nihilism to weasel its way into the bond that united his very being to what he called ‚Japan, the Beautiful, and Myself.'“ und bekräftigt damit seine Kritik am japanischen Literatur Nobelpreisträger und der Tatsache, dass er in seiner eigenen Ästhetik gefangen ist.
[10] Fu, Charles Wei-hsun; Heine, Steven (1995): Japan in traditional and postmodern perspectives., S. 322.
[11] Fu, Charles Wei-hsun; Heine, Steven (1995): S. 320.
[12] Hijiya-Kirschnereit, I. (2000): S. 328.
[13] Hijiya-Kirschnereit, I. (2000): S. 316.
[14] Hijiya-Kirschnereit, I. (2000): S. 325 f.
[15] New York: Bowker (Hg.) (1977): S. 118.


LITERATURVERZEICHNIS

Fu, Charles Wei-hsun; Heine, Steven (1995): Japan in traditional and postmodern perspectives. Albany: State University of New York Press.

Hijiya-Kirschnereit, Irmela (2000): Japanische Gegenwartsliteratur. Ein Handbuch. München: Ed. Text und Kritik.

Kosai, Yutaka, The postwar Japanese economy, 1945-1973, in: Yamamura, Kozo (hrsg.), The economic emergence of modern Japan, Cambridge University Press, 1997

Müller, Simone (2008). Existenzphilosophie als Lebenshaltung: Shiina Rinzôs „Wille zur Macht“ und Ôe Kenzaburôs „Weg der Freiheit“. Bochumer Jahrbuch zur Ostasienforschung, 32:181-202.

New York: Bowker (Hg.) (1977): The author speaks. Selected PW interviews, 1967-1976. New York: R.R. Bowker.


Warum das ganze? Das erfahrt ihr HIER!
In meinen Artikeln werden japanische Namen, so wie in unseren Arbeiten für die Uni, IMMER kursiv und im japanischen Original, erst der Nachname dann der Vorname, geschrieben. Ausnahmen bilden Literaturverzeichnisse und Fußnoten, da die Daten sich auf die jeweilige Quelle berufen und nicht verändert werden.

Mike

Japanologie und Soziologie Student an der Goethe Uni Frankfurt. Geboren 1979 in eine Zeit die von Star Wars, Pixeln und Zeichentrick Serien geprägt war. Nerd mit Herz und aus Leidenschaft. Cineast, Comic Liebhaber mit einem Faible für Marvel. Videospiel- und Serienjunkie, geformt in einer Zeit die heute als Retro bekannt ist. Führt eine Liebesbeziehung mit Japan, der Kultur und dem Nerdtum. Foodie mit Leib und Seele.

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